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Anmerkungen zu 300


(2007-05-06 17:22:00)

Anmerkungen zu 300


Natürlich: Verfilmungen geschichtlicher Begebenheiten brauchen nicht und
können natürlich auch nicht historisch exakt sein, sondern sollen in
erster Linie der Dramaturgie der Leinwand gehorchen. Dies gilt umso
mehr, wenn sich die Verfilmung nicht auf historische Quellen stützt,
sondern auf eine litarische Adaption wie im Falle von "300" auf einen
Comic von Frank Miller. Künstlerische Freiheit nennt man so was.

Wenn allerdings ein Film die tatsächlichen Zusammenhänge, Ursachen und
Folgen einer wirklich großen und wichtigen historischen Schlacht derart
auf den Kopf stellt und der Verleih Warner in seinem Presseheft davon
faselt, bei den Thermopylen hätten "300 junge Männer einen Pass so lange
verteidigt, bis sich die restlichen Griechen zum Widerstand aufgerufen
fühlten", dann kann Pietsch, der alte Miesmacher, nicht anders, als
seinen Besserwisser-Senf dazuzugeben. Und das kann und soll durchaus als
Filmkritik verstanden werden: Die Verfälschungen gegenüber der Historie
wogen für mich beim Schauen des Films nämlich so schwer und haben mich
fortwährend dermaßen genervt, dass sie mir letztendlich die Freude an
einem rein optisch herausragenden, stellenweise wirklich grandiosen
Schlachten-Actioner vergällt haben.

Ich greife mir dazu nur einmal die Punkte heraus, die mich am meisten
geärgert haben. Geärgert vor allem deshalb, weil man die Zusammenhänge
überhaupt nicht in dieser Weise hätte verändern müssen, um trotzdem
einen guten Film daraus zu machen.

"300" stellt die Verteidigungsmission der Spartaner bei den Thermopylen
als kleines, spartanisches Himmelfahrtskommando dar, zu welchem sich
König Leonidas eigenmächtig und gegen den erklärten Willen der Ephoren
entschied, und daß Rest-Griechenland erst durch den Opfertod der
Spartaner zum Widerstand gegen die Perser aufgerüttelt worden sei.
Totaler Käse. Richtig ist vielmehr, daß der Abwehrkampf gegen die Perser
eine schon lange beschlossene konzertierte Aktion zahlreiche
griechischer Stadtstaaten war, allen voran Athen und Sparta, zu der man
sich im Spätherbst 481 auf einem Kongreß in Korinth beraten hatte. Daß
die Perser kommen würden, wusste man seit deren Niederlage 490 bei
Marathon. Daß es nach Marathon noch zehn Jahre dauerte, lag nicht nur an
Xerxes unglaublich aufwendiger Mobilmachung, sondern auch an
militärischen Angelegenheiten in Ägypten, die zuvor bereinigt werden
mussten.

Bei den Thermopylen haben mitnichten von Anfang an nur 300 Spartaner
gekämpft. Vielmehr sperrte Leonidas den Paß mit einem
gemischt-griechischen Heer von 7000 Kriegern. Dabei stand nur ein
kleiner Teil des spartanischen Heeres bei den Thermopylen. Der weitaus
größere schwamm mit der griechischen Flotte auf dem Meer.

Über die Idee, einen historischen Schlachtenfilm mit Fantasy-Elementen
zu versehen, mag man streiten. Den Verräter Ephialtes als
Gollum-Verschnitt lasse ich auch gerade noch einmal durchgehen. Die
spartanischen Ephoren jedoch zu persisch bestochenen
Lord-Voldemort-Imperator-Palpatine-Klone zu degradieren, ist schlicht
beknackt. Überflüssig zu erwähnen, dass es natürlich die in der
Außenpolitik nahezu allmächtigen Ephoren waren, die entschieden, das
Unterwerfungsangebot Xerxes abzulehnen und den Kampf gegen die Perser
aufzunehmen.

"300" lässt die persische Flotte vor der Schlacht bei den Thermopylen
durch einen Sturm zugrunde gehen. Nun ja. Richtig ist, dass Xerxes zwar
durch zwei Stürme mehrere hundert Trieren verlor. Es blieben ihm jedoch
noch genügend Schiffe übrig, um jederzeit an nahezu jedem beliebigen Ort
Griechenlands Truppen zu landen. Der alles entscheidende Sieg gegen
diese Flotte wurde einen Monat nach den Thermopylen in der Seeschlacht
von Salamis errungen.

Zeitgleich zur Schlacht bei den Thermopylen kämpften die griechischen
Schiffe unter Befehl von Eurybiades und Themistokles in der Meerenge bei
Artemision, die in Sichtweite der Thermopylen liegt. Xerxes Vormarsch
auf Mittelgriechenland war dadurch in doppelter Weise blockiert. "300"
übergeht die Seeschlacht bei Artemison völlig, doch ohne sie bekommen
die Thermopylen eine komplett andere Bedeutung. Als nämlich der Verräter
Ephialtes die Perser in den Rücken der Griechen führte und deren
Niederlage abzusehen war, entließ Leonidas einen Großteil seiner
Krieger, um deren Leben für den nun bevorstehenden Kampf um
Mittelgriechenland zu bewahren. Er selbst blieb mit 300 seiner
Spartiaten sowie 700 Thesbiern zurück, aber nicht etwa aus irgend
welchen abstrakt heroischen Blut- und Ehre-Vorstellungen, sondern der
klaren, taktischen Überlegung, die Perser so lange aufzuhalten, bis sich
die griechische Flotte durch den Sund zwischen dem Festland und der
Insel Euböa in Sicherheit gebracht hatte. Leonidas wusste zu genau, daß
ohne diese Flotte jede Verteidigung gegen die Perser und ihre Seemacht
sinnlos war.

Ein sehr ärgerlicher Schönheitsfehler in "300" ist Leonidas abfällige
Bemerkung über die Athener, die er als Knabenliebhaber und Philosophen
bezeichnet. Zum einen war das wie ein militärischer Bienenstock
organisierte Sparta selbst eine Hochburg der Paiderastia, der
Knabenliebe. Das ging so weit, dass diese Form der Sexualität nicht der
freien Marktwirtschaft (= Prostitution) anheim gestellt war, sondern
eine feste Ordensregel wurde. "Jeder Versuch gegen die Knabenliebe hätte
in Spartas hoher Zeit umstürzlerisch gewirkt und wäre als ungesund und
volksverrätierisch aufgenommen worden." (Theodor Däubler) Zum zweiten
hatten die Spartaner im Jahr 480 nun wahrlich keinen Grund zum Hochmut
gegenüber Athen. Zehn Jahre zuvor waren es nämlich die Athener ganz
allein gewesen, die das von Dareios geschickte persische Expeditionsheer
bei Marathon besiegt hatten. Die Spartaner waren einen Tag zu spät
anmarschiert, um in Marathon mitzukämpfen, und hatten sich somit für
immer um den Ruhm gebracht, allein das Schwert Griechenlands zu sein.

Und noch eine Randanekdote: "300" beginnt mit der Ermordung einiger
persischer Unterhändler durch die Spartaner. Dies steht tatsächlich so
bei Herodot, und trotzdem fehlt im Film der eigentliche Clou der
Geschichte. Nachdem Sparta die Unterhändler einen Kopf kürzer gemacht
hatte, verdunkelten sich die Orakel, und die spartanischen Priester
prophezeiten schwere Vergeltung durch die Götter. Die Ephoren
entschlossen sich daher zu einem typisch-spartanischen Sühneopfer und
schickte als Wiedergutmachung zwei junge Offiziere, die sich natürlich
freiwillig dazu gemeldet hatten, zu Xerxes in den Tod. Die beiden
erschienen vor dem persischen Großkönig in Susa und erklärten ihm ihre
Mission. Xerxes dachte jedoch gar nicht daran, die beiden umzubringen,
sondern bot ihnen an, in seine Dienste zu treten. Daraufhin beleidigten
ihn die Spartaner so sehr, dass nun größte Chancen auf Erfüllung ihres
Auftrags bestanden. Aber Xerxes hörte sich die Beleidigungen in Ruhe an
und schickte die beiden mit der Antwort nach Hause: "Zwischen uns gibt
es keine Vergleiche. Ich habe nicht die Absicht, zu tun, was ich bei
euch abscheulich fand."

Und zu allerletzt ist mir völlig unverständlich, weshalb sowohl Comic
als auch Film auf zwei besonders dramatische Facetten der Schlacht an
den Thermopylen verzichten, die sich als Handlungselemente insbesondere
im Film wunderbar gemacht hätten. Als sich Leonidas sowie seine 300
Spartaner und 700 Thesbier in den letzten Verzweiflungskampf stürzten,
wüteten sie derart rasend unter den Persern, dass diese mit Peitschen
vorangetrieben werden mussten. Dabei fielen sogar zwei Söhne des Xerxes
in der Schlacht. Als Leonidas starb, war die Wut der Perser über den
Feind so groß, dass sie sich an seinem Leichnam vergingen. Daraufhin
erkämpften seine Leibwächter den Leichnam zurück und schützten ihn bis
zu ihrem eigenen Tod.

Johannes
--
Last seen:
"Spider-Man 3" "300"
"The Shooter" "Verführung einer Fremden"
http://www.filmfacts.de/filme johannes.htm


Johannes Pietsch
(2007-05-06 18:19:46)

Anmerkungen zu 300



Tomi Li
(2007-05-06 18:19:46)

Anmerkungen zu 300


Johannes Pietsch wrote:

>dann kann Pietsch, der alte Miesmacher, nicht anders, als
>seinen Besserwisser-Senf dazuzugeben.
[...Senf...]


Danke. :-)

Roy
--
heute ohne Sig


Roy Batty
(2007-05-06 21:42:48)

Anmerkungen zu 300


Johannes Pietsch schrieb:
>
> [...] Dies steht tatsächlich so bei Herodot

War der eigentlich embedded?

Schöne Grüsse
Frank

Letzte 3: »Full Metal Village«
»Little Children«
»Am Limit«


Frank Beck
(2007-05-06 22:17:06)

Anmerkungen zu 300


Björn Schreiber wrote:
> Aha, auch den Fernau gelesen und zur -äh - Inspiration genutzt ("Rosen für
> Apoll").

Sowohl gelesen als auch die Hörbuchfassung mit dem wirklich wunderbaren
Dieter Mann genossen. Erwähnte ich allerdings bereits in



wodurch sich sogar ein eigener Sub-Thread über Fernau entwickelte.
Empfehlenswert, weil extrem unterhaltsam.

Johannes
--
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"The Shooter" "Verführung einer Fremden"
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Johannes Pietsch
(2007-05-06 22:33:30)

Anmerkungen zu 300


Ingrid:
> Die
> spartanischen Ephoren jedoch zu persisch bestochenen
> Lord-Voldemort-Imperator-Palpatine-Klone zu degradieren, ist schlicht
> beknackt.

Verlucht, ich kann nicht anders, es ÄRGERT mich einfach so sehr, das mir
so etwas von Leuten vorgesetzt wird, die zuvor ein Meisterwerk wie "Sin
City" oder den wirklich hervorragenden "Dawn of the dead" realisierten.

Die Ephoren werden in "300" als sinistre, okkulte Weise, Priester und
Orakeldeuter dargestellt, Leonidas hingegen als die Ratio in Person.

Wattenquatsch. In Wahrheit waren die Ephoren praktisch das führende
Regierungsgremium des Staates Sparta, eine Art Zentralkomitee, das
übrigens gewählt wurde (ach ne!) und dabei oberste exekutive,
legislative und judikative Instanz zugleich.

Die Könige vielmehr erfüllten eine Funktion als Vertreter des Volkes vor
den Göttern, als oberste Priester und als Heerführer. Übrigens (und auch
das übergeht "300" geflissentlich): Sparta hatte immer zwei.
Gleichberechtigter Mitkönig neben Leonidas war ein gewisser Leotychides,
der sich vor allem 479 bei der Schlacht in der Bucht von Mykale einen
Namen machte. Dort wurde mit den aus Salamis davongekommenen persischen
Schiffen aufgeräumt.

Johannes
--
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"Spider-Man 3" "300"
"The Shooter" "Verführung einer Fremden"
http://www.filmfacts.de/filme johannes.htm


Johannes Pietsch
(2007-05-06 23:37:30)

Anmerkungen zu 300


Johannes Pietsch wrote:

> Verlucht, ich kann nicht anders, es ÄRGERT mich einfach so sehr, das mir
> so etwas von Leuten vorgesetzt wird, die zuvor ein Meisterwerk wie "Sin
> City" oder den wirklich hervorragenden "Dawn of the dead" realisierten.

Du meinst aber damit jetzt nicht, dass "Sin City" und "Dawn of the dead"
näher an der Wirklichkeit waren?

SCNR, Ekkart 8)


Ekkart Kleinod
(2007-05-07 01:34:00)

Anmerkungen zu 300


Frank Beck schrieb:

>> [...] Dies steht tatsächlich so bei Herodot
>
>War der eigentlich embedded?

Als Vierjähriger wohl eher nicht ...

Manfred


Manfred Polak
(2007-05-07 03:00:17)

Anmerkungen zu 300


"Ekkart Kleinod" schrieb im Newsbeitrag
news:463e4a9a@news.arcor-ip.de...

> Du meinst aber damit jetzt nicht, dass "Sin City" und "Dawn of the dead"
> näher an der Wirklichkeit waren?

...und warum auch bei "300" die künstlerische Freiheit ausklammern? Wurde
hier auch mal "Herr der Ringe" auf historische Korrektheit zerpflückt?

Grüße!


"Karsten Schreurs"

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