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Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


(2004-10-11 01:29:54)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Ein wie immer schoenes Festival, mittlerweile mit deutlich geschaerftem
Profil und einer hoeherwertigen Filmauswahl als frueher.

Aeltere Kritiken unter http://www.tzi.de/~jmm/festivals.html

==

Ae Fond Kiss (Schottisch/Urdu mit dt. UT) Inh: Casim, Sohn
pakistanischer Einwanderer, verliebt sich in Glasgow in Roisin, eine
junge katholische Musiklehrerin. Ihre Beziehung wird von Seiten der
Familie, die ihn traditionell verheiraten moechte und Roisins
katholischem Arbeitgeber heftig bekaempft.

Wieder mal ein hervorragender Film von Ken Loach, der es schafft auch
Geschichten wie dieser, die prinzipiell schon dutzendfach erzaehlt
wurden, Tiefen und Faerbungen zu verleihen, an denen andere Regisseure
scheitern. Die Schauspieler, besonders Eva Birthistle als Roison, sind
in ihren Rollen ideal besetzt. Lediglich in die Rolle der Kirche ist
ein bisschen zu sehr ueberzeichnet mittelalterlich.

==

Allende (Deutschland, Spanisch/Deutsch mit dt. UT) Inh: In Wechsel mit
historischem Archivmaterial beschreiben einige der Ueberlebenden in
Interviews die letzten Tage vor dem 11.9.1973, dem Tag des
Militaerputsches in Chile.

Ganz solide, aber auch nicht mehr. Der Autor ist zwar sichtbar
fasziniert von der Standhaftigkeit Allendes, bleibt aber Hintergruende
zu seiner Person schuldig, so dass der Film zu sehr an der Oberflaeche
bleibt.

==

American Splendor (USA, Englisch mit dt. und fr. UT) Inh: Ein Film
ueber den Archivar Harvey Pekar, der sein eigenes Leben zum Inhalt
eines von ihm geschriebenen Comics machte.

Eine wilde Mischung aus Doku und Spielfilm, der sich vielleicht noch
am ehesten als eine Mischung aus "Chasing Amy", "Ghost World",
"Adaptation" und "Fritz the Cat" beschreiben laesst. Der echte Harvey
Pekar kommentiert immer wieder Szenen aus seinem realen Leben, die
dann kurze Zeit von seinem filmischen Alter Ego weitergefuehrt
werden. Konsequenterweise wird die Handlung auch immer wieder in
Comicsequenzen fortgefuehrt. Das klingt reichlich wirr, funktioniert
aber sehr, sehr gut. Ein grossartiger kleiner Film, den man sich nicht
entgehen lassen sollte.

==

Bloody Sunday (Irisch mit dt. UT) Inh: Der Film beschreibt die
Ereignisse am 30. Januar 1972, als in der nordirischen Stadt Derry
eine Demonstration gegen die Internierung von Nordiren durch den
Einsatz von Fallschirmjaegern eskalierte und vierzehn Menschen
erschossen wurden.

Hervorragend inszeniert vor allem in den Strassenschlachten, in denen
"Bloody Sunday" fast dokumentarisch wirkt. Ein wenig mehr Neutralitaet
haette den Film aber ebenfalls gutgetan, die reine Faktenlage liesse
genug Kritik an der britischen Armee zu, so wirkt der Film in der
Darstellung der britischen Soldaten leider etwas voreingenommen. Trotz
allem sehenswert.

==

The Day My God Died (USA/Indien, Nepali/Hindi mit engl. UT) Inh:
Dokumentarfilm ueber Maedchen, die von Nepal in indische Bordelle
verkauft oder verschleppt werden und einige Hilfsorganisationen, die
mit Hilfe von ehemaligen Opfern dagegen vorgehen.

Solide inszeniert und selbst dann noch schockierend, wenn man schon
das Schlimmste ueber die Situation der Kinder angenommen hat. (Das
juengste Opfer war sieben Jahre alt, pro Tag muessen bis zu vierzig
Freier bedient werden, eine von ihnen hatte in zwei Jahren vierzehn
Abtreibungen hinter sich, die meisten Polizisten stecken mit den
Zuhaeltern unter einer Decke, HIV-Infektionen sind die Regel).

==

Diarios di motocicleta (Brasilien/USA, Spanisch mit dt. UT) Inh:
Ernesto "Che" Guavara, 24 und kurz vor dem Abschluss des
Medizinstudiums unternimmt seinem etwas aelteren Freund Alberto
Granado eine Motorrad-Rundreise durch Suedamerika.

Ein fantastischer Film von Walter Selles, der schon mit "Central do
Brasil" ein Meisterwerk vorgelegt hat. Es ist gar nicht so sehr wie
sonst ueberall in der Presse behauptet ein Film ueber die Jugendjahre
des beliebtesten Moerders der Welt (die Szenen, in denen sein
politisches Bewusstsein ueber die Situation Lateinamerikas erwacht
sind eher die schwaecheren Momente des Films), sondern ein brillantes
Roadmovie ueber Freundschaft und einen optimistischen Blick auf die
Welt. Wunderbar gespielt in den beiden Hauptrollen und auch sonst ohne
groesseren Makel.

==

Gente di Roma (Italien, Italienisch mit engl. UT) Inh: Eine
Aneinanderreihung von vielen minutenkurzen Sequenzen ueber das Leben
von Menschen in Rom.

Sehr gelungen, die Zusammenstellung wirkt sehr harmonisch, die Szenen
sind ueberwiegend sehr charmant und gelungen, und zwischen allen
witzigen Szenen kommen auch ernste Momente nicht zu kurz.

==

Gori Vatra (Bosnien-Herzegovina, Serbo-Kroatisch/Englisch mit dt. UT)
Inh: Als sich Bill Clinton als Ehrengast zum Besuch des bosnischen
Kleinstaedtchens Tesanj ankuendigt, muss dieses unter den Augen der
internationalen Beobachter geordnete Verhaeltnisse herstellen. Die
Feuerwehr wird verpflichtet mit ihren serbischen Nachbarskollegen
zusammenzuarbeiten, die Polizei muss ihre Kooperation mit der
Organisierten Kriminalitaet einstellen und das Bordell muss
schliessen.

Ein brillianter Film, der durch absurde Situationskomik ueberzeugt und
der eigentlich recht ernsten und von Hass und Gefahr gepraegten
Nachkriegssituation sehr komische Seiten abgewinnt. Trotz aller Komik
gibt es immer wieder Brueche in der Handlung, die gelegentlich die
Schattenseiten hervorschimmern lassen, etwa wenn nach einer herzlichen
Wiederzusammenkunft eines ehemaligen Paares die Frau kurze Zeit
spaeter in einer Mine laeuft.

==

Die Mitte (Deutsch/Polnisch/Russisch/Litauisch mit dt. UT) Inh: Eine
Reise durch die zahlreichen Orte in Europa, die von sich behaupten der
geographische Mittelpunkt Europas zu sein.

Der Film basiert auf einer interessanten Idee, ist im Grossen und
Ganzen auch einigermassen sehenswert, hat aber auch einige gravierende
Maengel: Der Autor schafft es nicht das Material zu einem kohaerenten
Gesamtbild zu verdichten, so dass die Zusammenstellung des Materials
reichlich wahllos wirkt. Verstaerkt wird das noch durch seine
unbeholfene Art auf Menschen zuzugehen und ihre Leben ernst zu nehmen.

==

Op de drempel van het grote Vergeten (Niederlande,
Niederlaendisch/Deutsch mit dt. UT) Inh: Dokumentarfilm ueber eine
Racheaktion der Wehrmacht auf einen Partisanenangriff im
niederlaendischen Putten. 550 Maenner wurden in ein KZ verschleppt, wo
nahezu alle starben.

Der Autor stoesst bei seinen Recherchen auf eine Mauer des Schweigens
und Nichtwissens, bis es ihm nach langen Recherchen gelingt einen der
ueberlebenden Offiziere ausfindig zu machen. Ein spannender und gut
inszenierter Dokumentarfilm, der den Rhythmus des Films den Akteuren
anpasst und nicht umgekehrt, wir es sonst leider oft getan wird.

==

Pagoda Ja Nutro (Polnisch mit engl. UT) Inh: Ein Mann, der vor
siebzehn Jahren vor seiner Familie ins Kloster weggelaufen ist, wird
aus seinem Orden herausgeworden und muss sich wieder in der
Gesellschaft und seiner Familie zurechtfinden, die sich radikal
veraendert hat.

Die interessantesten europaeischen Filme kommen zur Zeit aus Polen und
dieser ist da keine Ausnahme. Am Anfang eher schwarzhumoriges Drama
nimmt die Handlung bis zum immer mehr an Fahrt und Schwung. Besonders
gelungen ist Jerzy Stuhr als stoischer Ruhepunkt der Handlung.

==

Paloma de papel (Spanisch mit engl. UT, Deutsch eingesprochen) Inh:
Der zehnjaehrige Juan wird vom "Leuchtenden Pfad" verschleppt und zum
Guerilla ausgebildet, nachdem er entdeckt, das diese seinen Vater
ermordet haben. Als er fliehen kann stoesst er in seinem Dorf auf
Misstrauen und Ablehnung.

Waehrend Brasilien und Argentinien momentan zu den interessantesten
Filmlaendern ueberhaupt gehoeren hinken die uebrigen Laender
Lateinamerikas deutlich hinterher. Dieser peruanische Film macht da
keine Ausnahme. "Paloma de papel" ist zwar in den Kinderrollen
ueberzeugend gespielt, bleibt aber dramaturgisch und inszenatorisch
recht konventionell und formelhaft.

==

La Pelota Vasca (Spanisch mit engl. UT) Inh: Dokumentarfilm von Julio
Medem ueber den Konflikt um das Unabhaengigkeitsstreben der Basken.

Als ich letztes Jahr in San Sebastian war, gab es auf die Premiere
streckenweise so erboste Reaktionen in der Presse, das man vermuten
musste einen sehr infamen Propagandafilm vor sich zu haben. "La Pelota
Vasca" ist das mit Sicherheit, sondern schafft ein Bild des baskischen
Konfliktes das beinahe alle Parteien ausser der ETA und der "Partido
Popular" (den spanischen Konservativen und striktesten Vertretern der
spanischen Einheit) zu Wort kommen laesst und dabei die gerade von der
PP oft betriebene Gleichsetzung von Nationalismus und ETA-Terrorismus
vermeidet. Es handelt sich aber eindeutig um einen innerspanischen
Film, der schwer zu verstehen ist, wenn man mit der
baskisch-spanischen Geschichte nicht vertraut ist. Im Film kommen
ueber 50 Personen zu Wort, die in Spanien mehr oder weniger bekannt
sind, auch kurz vorgestellt werden, spaeter aber munter durcheinander
zu Wort kommen, so das man sich recht anstrengen muss um Positionen in
den Kontext ihrer Urheber zu setzen. Wer mit der Situation nicht
vertraut ist hat es auch schwer die Aussagen ins rechte Licht zu
ruecken; im Publikumsgespraech fragte z.B. jemand, ob denn die Basken
mittlerweile gleiche Rechte haetten wie Spanier. Wenn man nur die
Aussagen der PNV-Mitglieder hoert mag dieser Eindruck tatsaechlich
entstehen. Auf jeden Fall ein sehr mutiger Film, den zu sehen sich
lohnt.

==

Stockholm 75 (Schwedisch/Deutsch mit dt. UT) Inh: Dokumentarfilm ueber
Karlheinz Dwello, der 1975 zusammen mit vier weiteren RAF-Terroristen
in der deutschen Botschaft in Stockholm Geiseln nahm um die uebrigen
RAF-Mitglieder aus dem Gefaengnis freizupressen.

Ein interessanter Dokumentarfilm, dem aber ein bisschen mehr kritische
Reflektion gut getan haette. Dwello spricht zwar von einem grossen
Fehler, laesst aber eine wirkliche Distanz zu seinen Taten
vermissen. Wenn er - verheiratet mit eher ehemaligen RAF-Terrostistin -
in der Kueche unter einem RAF-Banner einfordert, man muesse das
alles im Kontext der Zeit sehen hinterlaesst das einen schalen
Beigeschmack und auch dem Regisseur muss man den Vorwurf machen auf
die Gegenseite des Ueberfalls ueberhaupt nicht einzugehen (zwei
Botschaftsangehoerige wurden als Geiseln ermordet).

==

Vodka Lemon (Armenien/Frankreich, Armenisch mit dt. UT) Inh: Ein
verlassenes Bergdorf in Armenien, in dem es wenig Arbeit gibt und die
Jungen in der Ferne ihr Geld verdienen: Hamo besucht jeden Tag das
Grab seiner verstorbenen Frau und lernt dabei ueber den Lauf der Zeit
die Witwe Nina kennen, die ebenfalls taeglich das Grab ihres Mannes
besucht.

Eine echte Perle, wunderschoen gespielt. Die Handlung wird von
stimmungsvollen ruhigen Bildern getragen, die oft mehr sagen als viele
Worte. Erinnert ein bisschen an Kusturica oder den ebenfalls
gelungenen "27 Missing Kisses".

==

Welcome to Holland - Campus Vught (Niederlaendisch mit engl. UT) Inh:
Dokumentarfilm ueber ein Camp mit abgelehnten minderjaehrigen
Asylbewerbern, die erst mit dem Erreichen des 18. Lebensjahrs
abgeschieben werden duerften.

Ein grundsolider Dokumentarfilm, der beobachtend und wenig wertend die
Situation beleuchtet und eindrucksvoll den Zwiespalt zeigt wie
schwierig es ist Regeln aufzuerlegen, wenn auf der Gegenseite die
Politik keine Handhabe einraeumt diese auch durch Sanktionen
durchzusetzen.


Moritz Muehlenhoff
(2004-10-11 03:33:46)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004



Tomi Li
(2004-10-11 03:33:46)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Moritz Muehlenhoff schrieb:
>
> ==
>
> Bloody Sunday (Irisch mit dt. UT) Inh: Der Film beschreibt die
> Ereignisse am 30. Januar 1972, als in der nordirischen Stadt Derry
> eine Demonstration gegen die Internierung von Nordiren durch den
> Einsatz von Fallschirmjaegern eskalierte und vierzehn Menschen
> erschossen wurden.
>
> Hervorragend inszeniert vor allem in den Strassenschlachten, in denen
> "Bloody Sunday" fast dokumentarisch wirkt. Ein wenig mehr Neutralitaet
> haette den Film aber ebenfalls gutgetan, die reine Faktenlage liesse
> genug Kritik an der britischen Armee zu, so wirkt der Film in der
> Darstellung der britischen Soldaten leider etwas voreingenommen.

Ich fand insbesondere die Darstellung des "bösen" Generals, der die
Situation vor Ort nicht kennt (und dies auch gar nicht will) und seines
"guten" direkten Untergebenen, der mit gedankenzerfurchtem Gesicht
herumläuft (sich aber letztlich fügt), etwas platt.

[...]
> ==
>
> La Pelota Vasca (Spanisch mit engl. UT) Inh: Dokumentarfilm von Julio
> Medem ueber den Konflikt um das Unabhaengigkeitsstreben der Basken.
>
> Als ich letztes Jahr in San Sebastian war, gab es auf die Premiere
> streckenweise so erboste Reaktionen in der Presse, das man vermuten
> musste einen sehr infamen Propagandafilm vor sich zu haben. "La Pelota
> Vasca" ist das mit Sicherheit
^
nicht ;-)

> sondern schafft ein Bild des baskischen
> Konfliktes das beinahe alle Parteien ausser der ETA und der "Partido
> Popular" (den spanischen Konservativen und striktesten Vertretern der
> spanischen Einheit) zu Wort kommen laesst

Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ausser Felipe Gonzáles (der zum
Zeitpunkt des Drehs schon lange aus Amt und Würden war und somit wenig
zu verlieren hatte) hat auch niemand von der PSOE die Gelegenheit
wahrgenommen, und auch Gonzáles trat nur sehr kurz und mit den üblichen
Gemeinplätzen auf. Natürlich kann man niemanden vor die Kamera zwingen,
aber hier versagt der Film IMHO in seinem Anspruch deutlich.

Wenn ich richtig informiert bin, unterscheiden sich PP und PSOE in ihrer
Regierungspolitik gegenüber dem ETA-Terror aber auch nur marginal, so
dass hier vermutlich keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen wären.

> und dabei die gerade von der
> PP oft betriebene Gleichsetzung von Nationalismus und ETA-Terrorismus
> vermeidet.

Der Begriff "Nationalismus" wurde ja im Film hinreichend in seinen
sämtlichen Variationen erklärt. :->

> Es handelt sich aber eindeutig um einen innerspanischen
> Film, der schwer zu verstehen ist, wenn man mit der
> baskisch-spanischen Geschichte nicht vertraut ist.

ACK. Ich bin es auch nur sehr oberflächlich. Medem versucht zwar
zwischendurch immer wieder, die historischen Zusammenhänge deutlich zu
machen, die gezeigten Filmausschnitte (sei es nun Welles oder der
Autobombenanschlag auf den Franco-General) können IMO aber nur
illustrierend wirken.

> Im Film kommen
> ueber 50 Personen zu Wort, die in Spanien mehr oder weniger bekannt
> sind, auch kurz vorgestellt werden

Oft genug mit dem Insert "bedroht durch ETA".

> spaeter aber munter durcheinander
> zu Wort kommen, so das man sich recht anstrengen muss um Positionen in
> den Kontext ihrer Urheber zu setzen.

Ich habe den Film im Sommer gesehen und im Gedächtnis geblieben sind mir
eigentlich nur der junge Mann, der bei einem Anschlag ein Bein verlor
(was man erst ziemlich am Schluss erfährt) und die Frau eines
verurteilten ETA-Mitgliedes, die für einen Gefängnis-Besuch durch halb
Spanien reisen muss.

> Auf jeden Fall ein sehr mutiger Film, den zu sehen sich
> lohnt.

Ja, zumindest für alle Baskenmützen. ;-) Bei mir war der Film leider
eine DVD.

Schöne Grüsse
Frank

Letzte 3: »In the Cut«, »Rhythm is it!«, »Girl with a Pearl Earring«


Frank Beck
(2004-10-11 15:12:07)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Frank Beck wrote:
>> La Pelota Vasca (Spanisch mit engl. UT) Inh: Dokumentarfilm von Julio
>> Medem ueber den Konflikt um das Unabhaengigkeitsstreben der Basken.
>>
>> Als ich letztes Jahr in San Sebastian war, gab es auf die Premiere
>> streckenweise so erboste Reaktionen in der Presse, das man vermuten
>> musste einen sehr infamen Propagandafilm vor sich zu haben. "La Pelota
>> Vasca" ist das mit Sicherheit
> ^
> nicht ;-)

Ummmh, ja, das verdreht den Sinn der Aussage doch ein wenig... :-)

>> Konfliktes das beinahe alle Parteien ausser der ETA und der "Partido
>> Popular" (den spanischen Konservativen und striktesten Vertretern der
>> spanischen Einheit) zu Wort kommen laesst
>
> Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ausser Felipe Gonzáles (der zum
> Zeitpunkt des Drehs schon lange aus Amt und Würden war und somit wenig
> zu verlieren hatte) hat auch niemand von der PSOE die Gelegenheit
> wahrgenommen, und auch Gonzáles trat nur sehr kurz und mit den üblichen
> Gemeinplätzen auf. Natürlich kann man niemanden vor die Kamera zwingen,
> aber hier versagt der Film IMHO in seinem Anspruch deutlich.

Im Gegensatz zur PP hat die PSOE einen baskischen Ableger, die "Baskischen
Sozialisten", von denen kam eine ganze Reihe Vertreter zu Wort, z.B. der
Buergermeister von San Sebastian, deren Generalsekretaer, die Buergermeisterin
von Guipozca und noch einige weitere (vor allem von den Wissenschaftlern).
Von der "richtigen" PSOE war neben Gonzalez auch der ehemalige Industrie-
minister dabei.

> Wenn ich richtig informiert bin, unterscheiden sich PP und PSOE in ihrer
> Regierungspolitik gegenüber dem ETA-Terror aber auch nur marginal, so
> dass hier vermutlich keine neuen Erkenntnisse zu erwarten gewesen wären.

Die PSOE ist schon deutlich mehr an einer friedlichen Loesung interessiert,
vor allem Aznar sperrte sich drastisch gegen jede Kooperation mit baskischen
Nationalisten, was vielleicht auch daran liegt, das die ETA einst versuchte
ihn in einem Attentat zu toeten...

>> Auf jeden Fall ein sehr mutiger Film, den zu sehen sich
>> lohnt.
>
> Ja, zumindest für alle Baskenmützen. ;-)

Der Zusammenhang zwischen Baskenmuetzen und Basken ist mir erst gegen Ende
aufgefallen, als ich mich wunderte, das der Mann, der francistische Psycho-
logieprofessor der erste in anderthalb Stunden Film, der eine trug :-)

> Bei mir war der Film leider
> eine DVD.

Das war auch eine DVD-Projektion, es gibt anscheinend nur baskisch untertitelte
Filmkopien.
--
Letzte drei Filme:
Gente di Roma (+), Campus Vught (+), La Pelota Vasca (+


Moritz Muehlenhoff
(2004-10-11 16:59:14)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Moritz Muehlenhoff schrieb:
> Ein wie immer schoenes Festival, mittlerweile mit deutlich geschaerftem
> Profil und einer hoeherwertigen Filmauswahl als frueher.
>
> Aeltere Kritiken unter http://www.tzi.de/~jmm/festivals.html

super nettes dankeschön!

> American Splendor (USA, Englisch mit dt. und fr. UT) Inh: Ein Film
> ueber den Archivar Harvey Pekar, der sein eigenes Leben zum Inhalt
> eines von ihm geschriebenen Comics machte.

Sag nur, der ist in DE noch gar nicht regulär angelaufen?
Bei uns schon. So ähnliches Verleihschlamassel wie damals bei Requiem?

> The Day My God Died (USA/Indien, Nepali/Hindi mit engl. UT) Inh:
> Dokumentarfilm ueber Maedchen, die von Nepal in indische Bordelle
> verkauft oder verschleppt werden und einige Hilfsorganisationen, die
> mit Hilfe von ehemaligen Opfern dagegen vorgehen.
>
> Solide inszeniert und selbst dann noch schockierend, wenn man schon
> das Schlimmste ueber die Situation der Kinder angenommen hat. (Das
> juengste Opfer war sieben Jahre alt, pro Tag muessen bis zu vierzig
> Freier bedient werden, eine von ihnen hatte in zwei Jahren vierzehn
> Abtreibungen hinter sich, die meisten Polizisten stecken mit den
> Zuhaeltern unter einer Decke, HIV-Infektionen sind die Regel).

Das die "Gutmenschen" immer solche indischen Filme anschleppen müssen!
Immer das gleiche. Pusan hat zb den neuen Mani Ratnam. Der ist wieder
einmal brisant und schwer politisch. Aber bei uns wirkt anscheinend das
moraltriefende harmlose Zeugs besser.

> Gori Vatra (Bosnien-Herzegovina, Serbo-Kroatisch/Englisch mit dt. UT)
> Inh: Als sich Bill Clinton als Ehrengast zum Besuch des bosnischen
> Kleinstaedtchens Tesanj ankuendigt, muss dieses unter den Augen der
> internationalen Beobachter geordnete Verhaeltnisse herstellen. Die
> Feuerwehr wird verpflichtet mit ihren serbischen Nachbarskollegen
> zusammenzuarbeiten, die Polizei muss ihre Kooperation mit der
> Organisierten Kriminalitaet einstellen und das Bordell muss
> schliessen.
>
> Ein brillianter Film, der durch absurde Situationskomik ueberzeugt und
> der eigentlich recht ernsten und von Hass und Gefahr gepraegten
> Nachkriegssituation sehr komische Seiten abgewinnt. Trotz aller Komik
> gibt es immer wieder Brueche in der Handlung, die gelegentlich die
> Schattenseiten hervorschimmern lassen, etwa wenn nach einer herzlichen
> Wiederzusammenkunft eines ehemaligen Paares die Frau kurze Zeit
> spaeter in einer Mine laeuft.

> "brilliant"
Damit stehst du aber ziemlich alleine da :) Bei uns haben in alle
Kritiker abgestunken. Im Kino lief er aber ganz brav.

> Pagoda Ja Nutro (Polnisch mit engl. UT) Inh: Ein Mann, der vor
> siebzehn Jahren vor seiner Familie ins Kloster weggelaufen ist, wird
> aus seinem Orden herausgeworden und muss sich wieder in der
> Gesellschaft und seiner Familie zurechtfinden, die sich radikal
> veraendert hat.
>
> Die interessantesten europaeischen Filme kommen zur Zeit aus Polen und

Das stehst du auch ziemlich alleine da. Welche noch? Würd mich sehr
interessieren.
Ich kenn als "interessant" nur den Berlinale Beitrag der zwei Mädels,
der momentan
als einziger PL Film (zurecht) die Festivalrunde macht (Dotknij mnie -
Touch me).
Und dann noch das alte Homevideo der privaten Filmgruppe aus Lodz (That
life has meaning).

War grad auf einem polnischem Festival, mit viel heimischem Schrott und
Insidertratsch.
Auch der kürzliche NZZ Artikel hat nicht viel gutes entdecken können,
obwohl
sie sich bemüht hat.

Hochinteressant sind IMHO Ungarn (Fliegauf, Kontroll), Russland
(eingeschränkt für Liebhaber, aber die gibts zuhauf), und immer
wieder vereinzelt CZ. Die guten CZ schaffen es aber leider nie in den
Westen, nur die Euroschmus Koproduktionen, bei dem die Westler leider
kräftig mitreden.

> dieser ist da keine Ausnahme. Am Anfang eher schwarzhumoriges Drama
> nimmt die Handlung bis zum immer mehr an Fahrt und Schwung. Besonders
> gelungen ist Jerzy Stuhr als stoischer Ruhepunkt der Handlung.

Jerzy Stuhr ist allerdings ein Garant für bessere Unterhaltung.
Leider sind seine eigenen Filme als Regisseur nicht überwältigend.
--
Reini Urban
http://xarch.tu-graz.ac.at/home/rurban/


Reini Urban
(2004-10-11 18:19:05)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Reini Urban wrote:
>> American Splendor (USA, Englisch mit dt. und fr. UT) Inh: Ein Film
>
> Sag nur, der ist in DE noch gar nicht regulär angelaufen?
> Bei uns schon. So ähnliches Verleihschlamassel wie damals bei Requiem?

Ab Ende Oktober bei einem Kleinstverleih.
Immerhin besser als "Election", der hatte ueberhaupt keinen Bundesstart.
Oder "The Pledge", den hat man nahezu komplett versteckt.

[Gori Vatra]
> > "brilliant"
> Damit stehst du aber ziemlich alleine da :) Bei uns haben in alle
> Kritiker abgestunken. Im Kino lief er aber ganz brav.

Nee, der ist wirklich toll. Vor allem in den Nebenrollen, etwa der
internationale Polizeikoordinator, der mit stark deutsch gefaerbtem
Akzent internationalen Feuerwehrgeist beschwoert oder der korrupte
Polizeichef, der serbische Nachbarn anheuert glueckliche Rueckkehrer
zu spielen.

>> Die interessantesten europaeischen Filme kommen zur Zeit aus Polen und
>
> Das stehst du auch ziemlich alleine da. Welche noch? Würd mich sehr
> interessieren.

"Interessant" ist fuer mich der relative Anteil an positiven Ueberraschungen
bei allen Filmen, die ich aus einem Land sehe.
Sehr angenehme Ueberraschungen neben "Pagoda Na Nutra" waren "Edi",
"Symetria", "Dzien swira". Mehr fallen mir auf Anhieb gerade nicht ein.

> Ich kenn als "interessant" nur den Berlinale Beitrag der zwei Mädels,
> der momentan als einziger PL Film (zurecht) die Festivalrunde macht
> (Dotknij mnie - Touch me).

Dieses obskure Videogefilme? Da konnte ich leider ueberhaupt keine
guten Ansaetze entdecken, handwerklich sowieso nicht, aber auch der
Inhalt bleibt banal.

> War grad auf einem polnischem Festival, mit viel heimischem Schrott und
> Insidertratsch.

Wo denn?

> Hochinteressant sind IMHO Ungarn (Fliegauf, Kontroll), Russland
> (eingeschränkt für Liebhaber, aber die gibts zuhauf), und immer
> wieder vereinzelt CZ. Die guten CZ schaffen es aber leider nie in den
> Westen, nur die Euroschmus Koproduktionen, bei dem die Westler leider
> kräftig mitreden.

Ungarn? Kontroll und Fliegauf kenn ich noch nicht, aber das was nach
DE schwappt ist leider oft durchwachsen: "Hukkle" war sehr schoen,
aber "Rengeteg" und "Dealer" waren mehr als abschreckend. Und der
letzte war so unscheinbar, das ich selbst den Titel und die Handlung
vergessen habe. (Ein Junge in Konflikt mit dem neuen Freund der Mutter
und am Ende explodiert ein Haus, mehr habe ich nicht behalten?)

Russische Filme kommen nur sehr in den deutschen Verleih und sind
aus unerfindlichen Gruenden nie im O-Ton zu sehen (dabei muesste es
eigentlich genug Muttersprachler geben)


Moritz Muehlenhoff
(2004-10-14 21:48:12)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Moritz Muehlenhoff writes:

> Reini Urban wrote:

> >> American Splendor (USA, Englisch mit dt. und fr. UT) Inh: Ein Film

> Ab Ende Oktober bei einem Kleinstverleih.
> Immerhin besser als "Election", der hatte ueberhaupt keinen Bundesstart.
> Oder "The Pledge", den hat man nahezu komplett versteckt.

Witzig. Gerade habe ich einen nowegischen Kurzfilm gesehen, der nach
»The Pledge« benannt ist.
Aber "versteckt"? Hier in München kam er ganz normal ins Kino
(auch mit O-Ton). Ist IIRC zwar nicht besonders lange gelaufen,
aber auch nicht sofort wieder aus dem Programm genommen
worden. Da gibt es Filme, die deutlich schlimmer erwischt, z.B.
»Human Nature« oder auch »In the Cut«.

> > Hochinteressant sind IMHO Ungarn (Fliegauf, Kontroll)
>
> Ungarn? Kontroll und Fliegauf kenn ich noch nicht, aber das was nach
> DE schwappt ist leider oft durchwachsen: "Hukkle" war sehr schoen,
> aber "Rengeteg" und "Dealer" waren mehr als abschreckend. Und der
> letzte war so unscheinbar, das ich selbst den Titel und die Handlung
> vergessen habe. (Ein Junge in Konflikt mit dem neuen Freund der Mutter
> und am Ende explodiert ein Haus, mehr habe ich nicht behalten?)

Das dürfte »Kísértések« (dt.: Versuchungen) gewesen sein.
Muß man sich aber IMO wirklich nicht merken.
»Kontrol« war gut und »Moszkva tér« hat mir auch noch gefallen.

Ciao, Claus schotten @ cinephil.de

Zuletzt gesehen: »Helden wie wir« »The Killing of a Chinese Bookie« »The Wind«


Claus Schotten
(2004-10-14 21:30:32)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Moritz Muehlenhoff writes:

[Pelota Vasca]
> > Bei mir war der Film leider
> > eine DVD.
>
> Das war auch eine DVD-Projektion, es gibt anscheinend nur baskisch
> untertitelte Filmkopien.

Nein, im Sommer auf dem Münchner Filmfest lief eine englisch
untertitelte Kopie.

Ciao, Claus schotten @ cinephil.de

Zuletzt gesehen: »Helden wie wir« »The Killing of a Chinese Bookie« »The Wind«


Claus Schotten
(2004-10-15 11:39:13)

Unabhaengiges Filmfest Osnabrueck 2004


Claus Schotten wrote:
>> Oder "The Pledge", den hat man nahezu komplett versteckt.
>
> Witzig. Gerade habe ich einen nowegischen Kurzfilm gesehen, der nach
> »The Pledge« benannt ist.
> Aber "versteckt"? Hier in München kam er ganz normal ins Kino
> (auch mit O-Ton). Ist IIRC zwar nicht besonders lange gelaufen,
> aber auch nicht sofort wieder aus dem Programm genommen
> worden.

Der lief eine Woche lang in einem Schuhschachtel-Kino, das kurz vor
der Schliessung stand (Schauburg, kleiner Saal aka Pferdebox) deutsch
synchronisiert in der 17.00-Vorstellung. Das geht zumindest fuer Bremen
als "versteckt" durch.

> Da gibt es Filme, die deutlich schlimmer erwischt, z.B.
> »Human Nature« oder auch »In the Cut«.

Komischerweise gab es zu "In the Cut" gute Kritiken, ich habe da nur ein
maessiges B-Movie mit vorhersehbarer Handlung gesehen, das ohne den
inszenierten Blowjob-Tabubruch und die deplazierte Meg Ryan zu recht
irgendwo in einer Videothek vor sich hingammeln wuerde.

Am meisten erstaunen mich aber die Begeisterungsstuerme fuer "The Girl
with the Pearl Earring". film-dienst und epd waren begeistert, die SZ
hatte eine hymnische Kritik und wollte zwei Wochen spaeter gar einen
GwtPE-Kult gesehen haben. Nur warum? Diese wandelnde Klischeesammlung
mit einem Vermeer, der staendig vertraeumt guckt, wenn er sich durch
seine Maehne faehrt, ein Film, der keine Ueberraschung bietet, manche
Charaktere grotesk ueberzeichnet (z.B. die Mutter) und auch sonst nur
vor sich hinplaetschert? Nur wegen Miss Johansson oder habe ich etwas
Entscheidendes uebersehen?
--
Letzte drei Filme:
La Pelota Vasca (+), The Clearing (+), 5x2 (++


Moritz Muehlenhoff

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